Gießener Allgemeine, 30.12.2006


Hungrige Mikroorganismen in Aktion

Pflanzenkläranlage auf Hof Obersteig ist seit zehn Jahren »eine saubere Sache«

Pohlheim (gbp). Idyllischer kann eine Kläranlage nicht sein: Bei Familie Fay auf dem Hof Obersteinberg bei Watzenborn-Steinberg säubern seit zehn Jahren lediglich hungrige Mikroorganismen das häusliche Abwasser - ohne Einsatz von Chemie, nahezu ohne Strom. Die recht unkomplizierte Wartung führen die Fays selbst durch und Abwassergebühren fallen auch nicht an. Die etwa 120 Quadratmeter große, mit Schilf bewachsene Fläche, die die fleißigen Kleinstlebewesen bewohnen, sieht nicht nur reizvoll aus und ist ungefährlich für spielende Kinder, sie bietet zudem Vögeln einen Platz zum Brüten und Unterschlupf für kleine Feldtiere.

Da der Hof Obersteinberg nicht an das öffentliche Abwasserkanalsystem angeschlossen ist, habe man sich Mitte der neunziger Jahre entschlossen, eine Pflanzenkläranlage zu bauen, erzahlt Walter Fay, Vater des Hofbetreibers und Vollerwerbslandwirts Peter Fay. Im November 1996 hat die Gambacher Firma Janisch & Schulz eine solche Anlage auf dem Hof errichtet, die neben dem Abwasser der acht Personen, die hier leben, auch das Abwasser aus den Ferienwohnungen und Fremdenzimmern klärt. Für Abwasser von bis zu 20 Personen ist die Anlage ausgelegt; Abwasser aus den Ställen wird separat entsorgt. Walter und Peter Fay und Dipl.-Ing. Christian Schulz, Geschäftsführer von Janisch & Schulz, erläutern die Funktionsweise der Pflanzenkläranlage: Vom Haus aus läuft das Abwasser zunächst in eine mechanische Vorreinigungsstufe, eine Dreikammergrube. In den ersten beiden Kammern setzt sich Schlamm ab, der Überlauf aus der dritten Kammer fließt in den Beschickerschacht, wird dort zwischengespeichert und gelangt in Intervallen, von einem Rohrsystem gleichmäßig verteilt, in den mit Schilf bepflanzten Bodenfilter, den es in horizontaler und vertikaler Richtung durchströmt. Die Schilfbepflanzung verhindert durch die Ausbreitung ihrer Wurzel- und Rhizomensysteme eine Verstopfung des Bodenkörpers, sorgt für die Langlebigkeit der Anlage und unterstützt die Sauerstoffversorgung des Wurzelraumes. Die Oberfläche, die aus mehreren Körnungen von Kies, Lava und Sand zusammengesetzt ist, wird bei Inbetriebnahme vom ersten Abwasser mit Mikroorganismen »geimpft«, die sich dort ansiedeln und einen »Biofilm« bilden. Im weiteren Betrieb ernähren sich die Kleinstlebewesen von den Schmutzstoffen - das Abwasser wird gereinigt und dem nahe gelegenen Wenkbach zugeführt.
Er habe vor vier Wochen eine Probe des gereinigten Wassers entnommen, berichtet Schulz. Das Laborergebnis sei »optimal«, die Werte für die organische Schmutzfracht lagen unterhalb der Nachweisgrenze. »Die Vorteile liegen auf der Hand«. erklärt der Diplom-Ingenieur: Es fallen keine Anschluss- und Abwassergebühren an, ein hohes Maß an Eigenleistung ist möglich, das Wasser wird in den lokalen Wasserhaushalt zurückgeführt, die Anlage ist platzsparend und durch die kurzen Kanalwege entstehen niedrige Investitionskosten. 20000 D-Mark habe man vor zehn Jahren investiert. erzählen Vater und Sohn Fay; eine Förderung aus öffentlichen Mitteln habe es nicht gegeben, das Land Hessen gehört nicht zu den vier Bundesländern, die derzeit Pflanzenkläranlagen fördern. Zurzeit müsse man für den Bau einer vergleichbaren Anlage etwa 10000 Euro investieren, berichtet Schulz. Auch sei die Lebensdauer der Pflanzenkläranlagen hoch: Die älteste von dem Unternehmen errichtete Anlage sei 15 Jahre alt und noch voll funktionsfähig; Als vor zehn Jahren die Entscheidung fiel, eine Pflanzenkläranlage zu bauen, habe seine Mutter zuerst geschimpft, erzählt Walter Fay: »Sie hatte Angst, dass die Anlage stinkt«, doch die Befürchtung habe sich nicht bestätigt. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Anlage sind sich die Bewohner und Feriengäste des Hof Obersteinberg in ihrem Urteil einig: »Eine saubere Sache!«



Eine saubere Sache: Dipl-Ing. Christian Schulz (links), Walter Fay und Peter Fay (rechts) entnehmen eine Probe des von der Pflanzenkläranlage gereinigten Wassers. (Foto: gbp)